NEPTUN 1
Die seltsame Verwandlung eines Schilfes
von Joachim Stahl
Ende und Neubeginn
Als der 2. Weltkrieg zu Ende gegangen war, sah es auf der Neptunwerft schlimm aus: bei den Luftangriffen in den Jahren 1942,1943 und 1944 wurden zahlreiche Gebäude zerstört oder schwer beschädigt, eine Docksektion, ein Schlepper und das Fährschiff SCHWERIN versenkt, Straßen, Gleisanlagen und Uferbefestigungen vernichtet. Alleine bei dem Bombenangriff am 20.Februar 1944 fielen 288 Sprengbomben auf die Werft. Im April 1945 zerstörten Sprengtrupps der Wehrmacht viele Anlagen der Werft. Der Befehl, wichtige Maschinenteile auszubauen und in die Warnow zu werfen, wurde nur teilweise durchgeführt, weil es den Werftangehörigen einfach leid tat, diese wertvollen Geräte unbrauchbar zu machen, zumal sie ja auch hofften, nach dem Kriegsende wieder Schiffe bauen zu können. nach der Schließung des Betriebes durch die sowjetische Trophäenabteilung am 1. Mai 1945 holten sich natürlich die Leute alles, was nicht niet- und nagelfest war, denn gerade die Umsiedler oder auch die Rostocker, deren Wohnungen durch die Bombardements zerstörten worden waren, (und das waren immerhin 25 % der Wohnungsbestandes) konnten jeden Nagel, jede Glasscheibe und auch jedes Stück Holz als Brennmaterial oder zum Tauschen bei den Bauern gebrauchen; Ein Hoffnungsschimmer keimte auf, als die Werft unter sowjetischer Leitung am 1. Juni 1945 wieder eröffnet wurde und 250 Mitarbeiter ihre Tätigkeit aufnehmen konnten. Aber neben kleineren Reparaturen an Wasserfahrzeugen, Eisenbahnwagen, Brücken und Einrichtungen der örtlichen Industrie und der Herstellung von Gebrauchsgütern für die Bevölkerung, wie Karbidlampen, Kochhexen, Milchkannen, Kochtöpfen, Ofenrohren bestand die Haupttätigkeit darin, den eigenen Arbeitsplatz zu vernichten: Die Neptunwerft wurde demontiert! Maschinen und Aggregate, Schiffsbleche. Rohre, Rundeisen, Nägel, Schrauben - alles wurde weggeschafft.
Es schien alles zu Ende zu sein.
Aber am 10. Juli 1945 fuhr wieder der erste Zug zwischen Rostock und Schwerin. In ihm saßen die deutschen Werkdirektoren Werner Franz und Meno Schnapauff und die Mitglieder des Arbeiterrates. Sie überbrachten der Landesregierung von Mecklenburg eine Eingabe und forderten die Beendigung der Demontage und für die inzwischen schon über 500 Beschäftigten die Gelegenheit zum tatkräftigen Wiederaufbau der Wirtschaft. Die Demontage wurde, nachdem etwa 75 bis 80 % aller vorhandenen Materialien abtransportiert worden waren, eingestellt. Die Trophäenabteilung der Sowjetarmee stellte im Dezember 1945 die Bezahlung der Arbeitskräfte ein, behielt sich aber die Verfügungsgewalt über das Unternehmen vor. Die Bestandsaufnahme am 3. Dezember 1945 ergab einen Gesamtwert des Betriebes von 4,875.888,44 RM. davon Gebäude: 3.105.888,44 RM. Am 12. Februar 1946 wurde in einer Gesellschafterversammlung die Neptunwerft GmbH neu konstituiert. Das Stammkapital übernahmen das Land Mecklenburg-Vorpommern und die Stadt Rostock.
Da kam die nächste faustdicke überraschung:
Am 28. Oktober 1946 erließ der Chef der Verwaltung der Sowjetischen Militäradministration des Landes Mecklenburg-Vorpommern den Befehl Nr. 195 betreffend Betriebsnahme der Schiffsreparaturwerft 'Neptun' m Rostock ab Reparation Deutschland an die UdSSR und übergabe derselben in den Bestand der Sowjetischen Aktiengesellschaft für Transportrnaschinenbau. Bei der übergabe der Werft an den neuen sowjetischen Generaldirektor, Ingenieur-Kapitän 2. Ranges (entspricht dem deutschen Rang eines Fregattenkapitäns) I.I.Faifer stellt der Liquidator den Wert des Unternehmens mit 15.631.915,43 RM fest.
Das war nun wirklich ein Neuanfang,
wenn auch die Diskussionen über die >Wegnahme< des traditionsreichen Unternehmens selbst in der SED-Grundeinheit nicht verstummen wollten. Sofort begann die technische Neuausstattung der Werft mit etwa 250 neuwertigen Werkzeugmaschinen aus ehemaligen Luftzeugämtern, 28 Eisenbahnwaggons mit Werkzeugen und Material, der Zuordnung des Schwimmkranes (später: LANGER HEINRICH, heute beim Schiffbaumuseum), der im April 1945 von Danzig nach Rostock gekommen war und des Schleppers SOLTHöRN. Bereits für das Jahr 1946 wurde ein >Aufbauprogramm< mit über 6 Mio. RM Investitionsmitteln beschlossen. Neue Werkhallen wurden gebaut, Transportmittel angeschafft, u.a. neben drei LKW auch sechs Pferdewagen und sechs Handwagen, das Dock und der Schlepper (später: EISBäR) gehoben.
Um die Not zu lindern
Tausende Rostocker waren wohnungslos und kamen jetzt aus der >Evakuierung< aus den umliegenden Dörfern, wo sie sowieso nicht gerne gesehen waren, wieder in die Stadt zurück. Dazu kamen die Flüchtlinge und die Umsiedler aus den östlichen Gebieten und schließlich wurden überall Arbeitskräfte für den Schiffbau >geworben<. So wurden mit den zugeführten Drehbänken der Firma Gollnow und Sohn aus Stettin, die in Nordhausen im Harz beschlagnahmt wurden, auch gleich die dazu gehörenden Spezialisten nach Rostock dienstverpflichtet? Die Zahl der Beschäftigten in der Neptunwerft stieg von 250 am 1.6.1945 auf fast 3000 am 1.1.1947. Im Schiffbau insgesamt waren beschäftigt: Im Jahre 1946:1000 und im Jahre 1952:34 840 Leute. Wohnraum zu beschaffen, wurde zu einer ersten großen Aufgabe für die Unternehmen selber, denn die kommunalen Stellen waren dazu noch gar nicht in der Lage. Im Firmengelände wurden bisher als Gefangenenlager genutzte Gebäude hergerichtet, Kasernen wurden belegt, Wohnungen instandgesetzt oder mit betrieblichen Mitteln und Kräften sogar neu gebaut. Die Verteilung von Arbeitskleidung. Textilien, Briketts, Ei-Pulver u.v.a.m. half, die Not der Familien zu lindem. Reparaturwerkstätten für Schuhe und Haushaltsgeräte sowie eine Nähstube wurden eingerichtet Die Neptunwerft übernahm sogar ein Bauerngut und pachtete weiteres Ackerland, das Betriebsangehörige dann bewirtschafteten, Die Lebensmittel gingen in die neu eingerichtete Werkküche. In der Werft selber wurde eine Schweinemästerei eingerichtet, die bis in die sechziger Jahre bestand und die Küchenabfälle nutzbringend verwertete. Die Einführung eines leistungsabhängigen Zusatzessens stieß auf viel Unverständnis, denn alle hatten Hunger. Aber das Ziel war, diejenigen, die ihre Norm erfüllten, besser zu versorgen und alle anderen anzuspornen, auch besser zu arbeiten. Die Arbeitsmoral war nicht sehr hoch. Im Jahre 1951 fielen 1,9 Mio. Ausfallstunden, davon 50 000 durch unentschuldigtes Fehlen an! Das waren rund 2 Monate pro Beschäftigter!
Fische für die Werftarbeiter
Der damalige Betriebsratsvorsitzende, Paul Rathke, erinnert sich an ein Gespräch mit dem sowjetischen Werkleiter. Dieser fragte ihn, warum er keine Fische für die Belegschaft fangen lasse. Ob er angeln solle, war die Gegenfrage. Nein, er solle aus bereitgestelltem Material, aber in freiwilliger Arbeit zwei Fischkutter bauen lassen. Die Idee war gut. Konstruktionsunterlagen gab es aus den Kriegsjahren, als man sich in der Werft mit Kriegsfrachtkutternund Loggern beschäftigt hatte. Diese waren relativ einfach zu überarbeiten. Aber mit der freiwilligen Arbeit war das so eine Sache. Zu groß war das Mißtrauen! Es bedurfte der ganzen Autorität des Betriebsrates, um die Schiffbauer dazu zu bewegen. Daß es ursprünglich nicht bei diesen zwei Fischkuttern bleiben sollte, geht aus einer betrieblichen Mitteilung Nr. 59 vom 17.6.1946 hervor, wo für die Fischkutter Nr. 3 bis 20 die Auftragsnummern 7.0556.000 bis 7.0573.000 ausgegeben wurden. Diese wurden bereits im Juni 1946 aber wieder zurückgezogen.
Der erste Stapellauf nach dem Kriege
wurde am 22. April 1947 um 17.00 Uhr, d.h. nach Arbeitsschluß unter reger Teilnahme der Belegschaft durchgeführt. Die oben erwähnte schlechte Arbeitsmoral zwingt am 19. Juni 1947 zu folgender Mitteilung: Der Arbeitsablauf auf dem Fischkutter 'Neptun II' befriedigt in keiner Weise. Jedesmal wenn man eine Kontrolle bei dem Fischkutter durchführt, sieht man dauernd Leute nichtstuend an Dock stehen. Ich bitte zur Kenntnis zu nehmen, daß der 25, Juni für 'Neptun H' Probefahrtstermin ist. Falls dieser Termin nicht eingehalten wird, werden die zuständigen Betriebsleiter zur Verantwortung gezogen.
Die Kutter werden fertig und gehen auf Fang
In der Mitteilung Nr. 190 vom 7. August 1947 heißt es dann: Am Freitag, dem 8. August 1947 gelangt auf Zuteilungskarte (Abschnitt 29) 1 kg Räucherfisch zur Ausgabe. Der Preis beträgt RM 1,25.
Paul Rathke berichtet im Rechenschaftsbericht
des Betriebsrates, daß im l, Quartal 1948 an 43 Fangtagen 19.890 kg Hering und 14.590 kg Dorsch gefangen und an die Belegschaft verteilt wurden. Man erzählt sich aber auch, daß die Fänge immer schlechter wurden, weil die Besatzungen zwischendurch anlegten und den Fisch auf eigene Rechnung verkauften. Deshalb mußten dann sowjetische Soldaten mit zum Fang hinausfahren. Wie streng die Sitten waren, zeigt aber auch folgende Mitteilung vom 25.10.1947: Die Maler Kart S. und Hans C. haben Aktbilder herumgezeigt. Sie werden für vier Wochen von der Fischverteilung ausgeschlossen.
Die Wege trennen sich
NEPTUN II geht 1949 zum VEB Schiffsbergung und Taucherei Stralsund als Vermessungskutter KOMET, 1964 VEB Deutsche Seebaggerei, Rostock, 1970 VEB Bagger-, Bugsier- und Bergungsreederei, dort Einsatz als Taucherschiff, 1982 außer Dienst gesteift und abgebrochen. NETUN l geht etwa zur gleichen Zeit an die Fischerei-Geräte-Station Stralsund, später Fischerei- Produktions-Genossenschaft Stralsund als STR 192 PLANET. Dann war es für uns >verschwunden<. In den 70er Jahren war es auf mysteriöse Weise in >den Westen< gekommen. Aber es taucht wieder auf als: MORE Im Seeschiffsregister Kiel am 7.12.1978. Eigentümer: Kart Droste, Kiel und am 30.10.1981 mit dem Eigentümer Hans-Joachim Dowers, Kiel. Am 3.10.1986 mit den Eignern H.-W.Koltunow und G. Piepiorka in Kiel und seit dem 4.Februar 1987 mit dem Heimathafen Hamburg.
Nach 50 Jahren wieder zu Hause
Wer das Teilnehmerverzeichnis der Hanse Sail 1997 durchliest, findet dort einen Schoner MARIAROSA, mit 25 m Länge und 100 m2 Segelfläche. Die beiden Besitzer hatten in zehnjähriger Arbeit aus dem verwahrlosten Fischkutter einen schmucken Segelschoner gemacht. Dadurch ist auch die unterschiedliche Längenangabe zu erklären, die zuerst einmal für Verwirung gesorgt hatte. Den Namen erhielt das Schiff nach den Vornamen der Mutter der beiden Eigner. Mit großer Freude wurde der Kontakt zur schiffahrtsgeschichtlichen Gesellschalt hergestellt. Wieder ist ein neues Blatt in der Geschichte der Neptunwerft geschrieben worden und das mit einem so schönen neuen Anfang.

